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Marketing-Mythos #2: Brainstormings bringen die besten Ideen

  • 5. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

Brainstormings gelten immer noch als kreativer Königsweg – alle in einen Raum, bunte Post-its, Pizza, und am Ende entsteht die große Idee. In der Praxis von KMU und Marketingabteilungen passiert aber oft etwas anderes: Es wird viel geredet, wenig entschieden und die wirklich guten Gedanken tauchen erst auf, wenn alle längst wieder am Schreibtisch sitzen. Zeit, diesen Mythos genauer anzuschauen.

Es gibt Rituale im Marketing, die niemand so richtig liebt, aber alle brav mitmachen. Das klassische Brainstorming gehört dazu. „Wir brauchen neue Ideen, also machen wir ein Brainstorming“ – das klingt nach Aktion, Zusammenarbeit, Kreativität. In der Realität klingt es vor allem nach: Zwei Stunden Meeting, zehn Fotos für LinkedIn, drei halb-gute Ideen und ein diffuses Gefühl von „Naja, wenigstens haben wir was getan“.



Wie Brainstormings Zeit verbrennen – ohne dass es auffällt


Wenn du mal ehrlich in deinen Kalender schaust: Wie viele Brainstormings hattest du im letzten Jahr, und wie viele wirklich tragfähige, umsetzbare Ideen sind daraus entstanden?


Rechne kurz durch:

  • 6 Personen

  • 2 Stunden Meeting

  • plus Nachlauf, Abstimmung, Protokoll, Nachbereitungs-Mails


Du bist schnell bei 15–20 Arbeitsstunden – für ein einziges „Wir sammeln mal Ideen“.


Das Problem: Diese Kosten tauchen in keiner Budgetzeile auf. Sie verstecken sich in „Team-Meeting“, „Austausch“, „Kreativ-Session“. Nach außen sieht das effizient aus: Alle im Raum, konzentriert, Post-its, Moderationskärtchen. Aktivität fühlt sich produktiv an, auch wenn sie es nicht ist.


Besonders in KMU mit knappen Ressourcen ist das gefährlich. Jede Stunde, die im „wir-brauchen-mal-eine-ideensammlung“-Modus versandet, fehlt an anderer Stelle: bei der Umsetzung, beim Testen, bei echten Kundengesprächen.



Der Elefant im Raum: soziale Dynamik schlägt Kreativität


Auf dem Papier sind Brainstormings demokratisch: Alle dürfen alles sagen, es gibt „keine schlechten Ideen“, Quantität vor Qualität.


In der Praxis sieht der Raum oft so aus:

  • Zwei, drei Menschen reden viel – meistens dieselben.

  • Eine Handvoll hört zu, nickt, schreibt mit, sagt wenig.

  • Eine Person denkt: „Das ist doch alles Unsinn“, sagt aber nichts.

  • Eine andere denkt: „Meine Idee passt hier irgendwie nicht rein“, und sagt ebenfalls nichts.

  • Und irgendwo sitzen Senior-Leute, die innerlich jede „komische“ Idee abwägen gegen Risiko, Budget, Image, Umsetzbarkeit.


Offiziell darf alles gesagt werden. Inoffiziell laufen ständig soziale Filter mit:

  1. Hierarchie:

    Wer weiter oben in der Organisation steht, setzt den Ton. Wenn die Geschäftsführung zuerst spricht, wird selten radikal dagegen gedacht. Viele Ideen werden im Kopf verworfen, bevor sie überhaupt laut werden.

  2. Sympathie und Status: Manche Kolleg:innen haben „Creative Credit“ – wenn sie etwas sagen, gilt es automatisch als smarter Input. Andere haben den Ruf „praktisch, aber nicht visionär“ – und ihre Ideen werden unbewusst kleiner gemacht.

  3. Angst, sich zu blamieren: Niemand will die Person sein, deren Idee im Raum stirbt, begleitet von betretenem Schweigen oder einem „Ja, äh, spannend…“. Gerade introvertiertere Teammitglieder halten dann lieber zurück.

  4. Killerphrasen light: Kaum jemand sagt im Brainstorming offen: „Das ist Quatsch.“ Stattdessen: „Mutige Idee, aber…“, „In unserer Branche eher schwierig“, „Das könnte unsere Kund:innen irritieren“.

    Formal ist das kein Verbot, faktisch ist die Idee an der Wand – aber im Eimer.


Die Folge:


Das, was Brainstormings auf dem Papier stark macht – viele Perspektiven, freies Denken – wird von genau den sozialen Mechanismen ausgebremst, die in Gruppen immer auftreten, besonders wenn Hierarchie im Raum sitzt.



Das heimliche Produkt vieler Brainstormings: Konsens-Brei


Viele klassische Brainstormings enden nicht mit der besten Idee, sondern mit der am wenigsten strittigen. Nicht die stärkste, sondern die bequemste überlebt.


Typischer Verlauf:

  • Eine Handvoll polarisierende, mutige Ideen steht auf der Wand.

  • Einige pragmatische, solide Vorschläge stehen daneben.

  • Dann kommt der Moment: „Lasst uns mal clustern und priorisieren.“


Was danach übrigbleibt, ist oft eine Art Kompromiss-Brei:

  • Niemand ist richtig begeistert.

  • Niemand ist richtig dagegen.

  • Es fühlt sich „vertretbar“ an.


Gerade im Marketing ist das riskant. Marken, die allen gefallen sollen, bleiben unscharf. Kampagnen, die niemand wehtun dürfen, bleiben blass. „Brainstorming-Ergebnisse“ sind dann oft nichts anderes als die schön protokollierte Version von: „Wir haben uns kollektiv auf Mittelmaß geeinigt.“


Der stille Widerspruch: Die besten Ideen kommen selten im Meeting


Frag zehn Menschen, wann ihnen ihre beste Idee eingefallen ist. Die Antworten werden ungefähr so klingen:

  • „Beim Spaziergang.“

  • „Beim Putzen.“

  • „Beim Zugfahren, als ich aus dem Fenster geschaut habe.“

  • „Beim Duschen.“

  • „Als ich eigentlich schon Feierabend hatte.“


Kaum jemand sagt: „Im Meetingraum, auf einem Drehstuhl, unter Neonlicht, mit einem Timer auf 45 Minuten und einem Stapel Post-its.“


Gute Ideen brauchen zwei Dinge, die Brainstormings strukturell kaum bieten:

  1. Druckfreiheit im Kopf: Wenn klar ist, dass jetzt, in dieser Stunde, bitteschön Kreativität zu liefern ist, geht bei vielen Menschen innerlich der Rollladen runter. Kreativität mag Zeit, Leerlauf, Umwege. Brainstormings sind das Gegenteil: Taktung, Gruppendruck, Erwartung.

  2. Gedankliche Inkubation: Roh-Input rein, gedanklich in Ruhe wenden, andere Eindrücke dazu, wieder loslassen, wieder aufnehmen. Dieses Hin und Her passiert selten in einem Lineal-Meeting mit Agenda-Punkten.


Was wäre die Alternative? Asynchron statt „alle gleichzeitig“


Damit sind wir bei deinem Punkt – und ja, der ist sinnvoll:

Asynchrones Brainstorming, also erst jede:r für sich, dann gemeinsam weiterdenken.


Wie kann das konkret aussehen?

  1. Klare Frage vorgeben – schriftlich, nicht im Meeting: Nicht: „Lasst uns mal Ideen für Social Media sammeln.“

    Sondern: „Wie könnten wir unser bestehendes Leistungsangebot so sichtbar machen, dass KMU, die uns noch nicht kennen, uns innerhalb von 5 Sekunden als Lösung für Problem X erkennen?“


  2. Individuelle Ideensammlung – alleine, mit Deadline: Jede:r hat z.B. 24–72 Stunden Zeit, um Ideen zu notieren:

    • ohne Bewertungsdruck

    • in der eigenen Arbeitsumgebung

    • zu den eigenen produktiven Zeiten


  3. Einreichen vor dem Meeting: Die Ideen werden gesammelt, bevor alle zusammenkommen. So ist klar: Jede Person hat schon beigetragen. Es gibt keine „lauten Ersten“, die den Denkrahmen setzen.


  4. Gemeinsame Session = Auswertung, nicht Generierung: Im Meeting wird:

    • sortiert

    • geschärft

    • kombiniert

    • weitergedacht

    Der Kreativprozess hat vorher begonnen, nicht erst, als alle im Raum saßen.


  5. Explizite Trennung von „Ideenphase“ und „Kritikphase“: Erst wirklich sammeln, dann erst entscheiden. Und auch das transparent: „Jetzt dürfen wir zerpflücken.“


Das baut genau jene sozialen Hürden ab, die klassische Brainstormings blockieren: Niemand muss „spontan liefern“, niemand konkurriert live mit anderen um die beste Idee, Hierarchie hat weniger Einfluss auf das, was überhaupt geäußert wird.



Ist das klassische Brainstorming damit komplett nutzlos?


Ganz so hart würde ich nicht urteilen.


Es gibt Situationen, in denen ein gemeinsamer, lauter, bunter Austausch hilfreich sein kann:

  • Wenn ein neues, interdisziplinäres Team sich überhaupt erst kennenlernen und Sprache finden muss.

  • Wenn es mehr um Energie und Verbundenheit geht als um das eine, perfekte Konzept.

  • Wenn eine erste, grobe Themenlandkarte entstehen soll, nicht die finale Leitidee.


Aber: Dann sollten wir es auch genau so benennen. Nicht „Wir machen ein Brainstorming, um DIE Idee zu finden“, sondern:

  • „Wir machen eine gemeinsame Ideensammlung zum Aufwärmen.“

  • „Wir wollen schauen, wie unterschiedlich wir das Thema sehen.“

  • „Wir wollen den Problemraum einmal gemeinsam scannen.“


Das nimmt dem Format den falschen Anspruch. Die besten Ideen entstehen dann später – nur dieses Mal bewusst einkalkuliert, nicht zufällig.



Fazit: Der Mythos vom magischen Meetingraum


„Brainstormings bringen die besten Ideen“ ist bequem, weil er suggeriert: Wenn alle einmal im Kreis sitzen, weiß das Kollektiv schon, was zu tun ist.


Für KMU und Marketingteams, die mit ihrer Zeit haushalten müssen, lohnt es sich, ehrlicher zu sein:

  • Brainstormings bringen oft sichtbare Aktivität, aber nicht automatisch Qualität.

  • Soziale und hierarchische Dynamiken im Raum sind mächtiger als jede bunte Moderationskarte.

  • Viele der wirklich guten Ideen entstehen vor oder nach dem Meeting – wenn wir ihnen Raum geben.


Asynchrones Vorgehen – erst jede:r für sich, dann gemeinsam verdichten – ist kein Dogma, aber ein sehr wirksamer Gegenentwurf zum klassischen „Alle rein, jetzt bitte kreativ sein“.

Vielleicht ist der sinnvollere Spruch für dein Team:

„Gute Ideen brauchen weniger Meeting, als wir denken – und mehr Raum, als wir ihnen bisher geben.“

 
 
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